Beispielbuch · Aquarell
Das Magische Schloss


Martin liebte Abenteuer über alles. Er kletterte auf die höchsten Bäume und sprang über breite Bäche. Am liebsten aber erkundete er alte Schlösser mit hohen Türmen und dicken Mauern, die geheimnisvolle Geschichten aus längst vergangenen Zeiten zu flüstern schienen.

An diesem Nachmittag erkundete er das prächtigste Schloss, das er je gesehen hatte. In den sonnigen Gärten jagte er Schmetterlingen nach und stellte sich vor, er sei ein mutiger Ritter. Solange die Sonne schien, war Martin der tapferste Junge auf der ganzen Welt.

Doch als die Sonne tiefer sank, wurden die Schatten länger und länger. Sie krochen wie dünne Finger über die Wiesen. Martin wurde stiller. Er mied die dunklen Torbögen, denn er hatte ein Geheimnis: Martin fürchtete sich vor der Dunkelheit.

Gerade als er umkehren wollte, sah er einen alten Mann mit einem langen, weißen Bart. Es war der Schlossverwalter, der einen riesigen Wandteppich abstaubte. Er bemerkte Martins neugierigen Blick und lächelte ihn freundlich an.

„Wusstest du, dass dieses Schloss ein Geheimnis birgt?“, fragte der Verwalter. Er zeigte auf einen schmalen, dunklen Korridor. „Dort liegt die ‚Kammer des leuchtenden Mutes‘. Ihr Licht kann nur der erwecken, der sich ohne Kerze durch die Dunkelheit wagt.“

Martins Herz klopfte. Ein magisches Licht! Das klang nach dem größten Abenteuer! Aber der Gang war so finster. „Ich mag die Dunkelheit nicht“, murmelte er. Der alte Mann lächelte. „Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben. Mut bedeutet, es trotzdem zu versuchen.“

Diese Worte gaben Martin Kraft. Er wollte mutig sein! Er holte tief Luft, nickte dem Verwalter zu und trat über die Schwelle. *KLONK!* Mit einem lauten Geräusch fiel die schwere Holztür hinter ihm ins Schloss. Plötzlich war alles stockfinster.

Martin konnte nicht einmal seine eigene Hand vor Augen sehen. Sein Herz pochte wie eine Trommel. *KNARZ…* Eine Diele ächzte unter seinen Füßen. *HUUUSCH…* Ein kalter Luftzug strich ihm über die Wange wie der Hauch eines Geistes. Er war ganz allein.

Er musste weiter. Mit einer Hand an der kalten Steinmauer tastete er sich vorwärts. Jeder Schritt war ein Wagnis. *TROPF… TROPF…* Was war das? Langsam beruhigte er sich. Es war nur Wasser, das von der Decke tropfte. Er atmete tief durch.

Plötzlich starrten ihn zwei leuchtende grüne Punkte an. Martin erstarrte! Doch dann hörte er ein leises „Miau“. Eine kleine, schwarze Katze schmiegte sich an sein Bein und schnurrte. Martin musste kichern. Seine Angst hatte ihm nur einen Streich gespielt.

Der Gang endete vor einer Wand. Links und rechts führten zwei noch finsterere Wege weiter. Welchen sollte er nehmen? Plötzlich fühlte er sich sehr klein und allein. „Ich kann das nicht“, flüsterte er und Tränen stiegen ihm in die Augen.

Da fielen ihm die Worte des Verwalters wieder ein: „Mut bedeutet, es trotzdem zu versuchen.“ Martin atmete tief durch. Er war vielleicht kein Ritter, aber er gab nicht so schnell auf! Er stand auf, wischte die Tränen weg und summte leise sein Lieblingslied.

Er schloss die Augen, drehte sich im Kreis und zeigte auf den rechten Weg. Entschlossen marschierte er los. Der Gang führte ihn in einen kleinen, runden Raum. In der Mitte stand ein steinerner Sockel, und an der Wand spürte er eine Gravur, die sich wie eine Sonne anfühlte.

Das Licht musste von innen kommen! Martin schloss die Augen und dachte an das mutigste, was er je getan hatte. Er spürte ein warmes Gefühl in seiner Brust. Als er die Augen öffnete, leuchtete auf dem Sockel eine sanfte, goldene Kugel.

Das Licht zeigte eine geheime Tür! Sie führte ihn zurück in die große Halle, wo der Verwalter wartete. Die Fackeln warfen freundliche Schatten. Martin fürchtete sich nicht mehr. Er wusste nun, dass das hellste Licht, das Licht des Mutes, in seinem eigenen Herzen war.
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